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Ein rekonstruiertes Leben · Der Atlas

Erzählungs-Fragmente · fiktive Leben, vom Archiv kuratiert

Das Kontobuch eines Schmugglers über die Jungen, die er rettete

O Livro dos NomesSpain1957–20016 Fragmente

An der Raia zwischen Portugal und Spanien brach ein Schmuggler die erste Regel seines Gewerbes — nie Papier aufbewahren —, um ein Buch der Namen zu verstecken: einunddreißig einberufene Jungen gingen über die Grenze, damit der Krieg sie nicht bekommen konnte. Einen Namen, geholt 1967, hat er sich selbst nie verziehen.

  1. 01

    Krämersprache

    Ein Krämerzettel in Nachbars Verwahrung, San Martín del Pedroso · um 1957

    Ein gefalteter Zettel, verwahrt in Spanien

    As ovelhas passam quinta-feira — die Schafe kommen am Donnerstag hinüber. Sonst nichts: kein Datum, kein Name, eine schlichte, sorgfältige Hand, das Papier klein genug gefaltet, um in einem Händedruck zu wandern.

    Es geht nicht um Schafe. Fünf solche Zettel überdauerten vierzig Jahre, alle auf der falschen Seite der Raia, verwahrt von dem Freund, dessen Laterne vom Fenster gegenüber antwortete. Der Mann, der sie schrieb, hielt daran fest, dass Papier Menschen an den Galgen bringt, und schrieb sein Leben lang fast nichts; was von der Freundschaft übrig ist, ist Krämersprache, und die Krämersprache ist alle Briefe, die die beiden je brauchten.

    — ohne Unterschrift

  2. 02

    Die Seite des Gegners

    Eine Streifenseite aus dem Archiv des Gegners, Bragança · Frühling 1966

    Streifenbuch, Zollwache — Abschnitt der Raia, März 1966

    Nächte vom 1. bis zum 31., Streifen laut Einteilung. Routen nach Zuweisung des Postens: der Kapellenweg, die Flusswiese, der obere Pfad im Wechsel. Stunden wie eingetragen, von jedem Paar bei der Rückkehr abgezeichnet. Für den Monat: nichts zu melden.

    Eine Zeile vermerkt ein Maultier, gehört nach Mitternacht am 19., der Seite von San Martín zugeschrieben und nicht verfolgt. Eine Zeile vermerkt geflickten Draht an den Grenzsteinen. Die Stempel sind in Ordnung. Die Seite ist vom Postenführer abgezeichnet und mit Schlussstrich versehen.

    Der Staat führte lückenlos Buch über den Mann, der fast keines führte — Routen, Stunden, Wetter, Namenszüge, zwanzig Jahre Nächte, abgelegt vom Gegner. Für März 1966 ist das Protokoll der Grenze das Protokoll von nichts, was geschah. Was in jenem Monat geschah, steht in einem anderen Buch, zwei Dörfer weiter, im doppelten Boden einer Kornkiste.

    Abgezeichnet, der Postenführer

  3. 03

    Ein Platz, keine Nachricht

    Eine Postkarte mit einem Platz, ohne Nachricht, Guadramil · um 1976

    Eine Postkarte, ohne Unterschrift — verwahrt in Guadramil

    Die Vorderseite ist ein Marktplatz irgendwo in Frankreich: Platanen, ein Brunnen, Café-Markisen, die Ecke einer Kirche. Die Rückseite trägt die Stempel ihrer Reise, die Anschrift dieses Hauses und keine Nachricht. Nicht ein Wort.

    Solche Karten kamen über die Jahre hin und wieder, aus Frankreich und aus Luxemburg — Plätze, Bahnhöfe, ein Hafen — nie unterschrieben. Der Mann dieses Hauses verstand sie, und seine Frau bewahrte sie auf. Eine Postkarte ohne Nachricht sagt nur: am Leben, und irgendwo. Von Jungen, deren Weggehen einen Mann auf dem Papier an den Galgen bringen konnte, war das alles, was zu sagen war.

    — ohne Unterschrift

  4. 04

    Das Beileid über die Raia

    Eine Beileidsbekundung über die Raia, Guadramil · Winter 1989

    Senhora Leocádia,

    Man hat es mir am Dienstag auf dem Markt von Alcañices gesagt: Serafim ist gegangen. Vierzig Jahre waren dieser Mann und ich Freunde, und wir haben in all der Zeit nie ein Wort zu Papier gebracht, weil Papier Menschen an den Galgen bringt. Dies ist also der erste Brief zwischen unseren Häusern, und er kommt, wo er ihm keinen Schaden mehr tun kann.

    Ich habe in jener Nacht die Laterne in mein Fenster gestellt — die zwei Lichter, die, die komm bedeuteten. Er konnte nicht kommen, ich weiß. Ich habe sie trotzdem angezündet, und bin dabei sitzen geblieben, und habe sie niederbrennen lassen. Auch die Grenze stirbt, sagt man auf dem Platz, an einem Ding namens Europa. Sie hätte den Anstand haben sollen, zuerst zu sterben, solange sie ihm noch ein paar der Nächte hätte ersparen können.

    Wenn es irgendetwas gibt, das eine Witwe von dieser Seite braucht — Maultiere, Hände fürs Feld, Geld, das zwischen seinem Haus und meinem ohnehin nie richtig gezählt wurde —, schick Nachricht mit dem Jungen, der den Käse bringt. Und zünde eine Kerze für ihn an auf deiner Seite der Raia, senhora. Ich zünde eine auf meiner an. Er hat immer gesagt, von beiden Seiten sieht man dasselbe Licht.

    Ovídio

  5. 05

    Die Antwort der Witwe

    Eine Antwort, über die Grenze hinweg bewahrt, Alcañices · Winter 1989

    Ovídio,

    Du schreibst, dass du und mein Serafim in vierzig Jahren nie ein Wort zu Papier gebracht habt, weil Papier Menschen an den Galgen bringt. Das stimmt. Ich bin alt, die Grenze stirbt unter unseren Fenstern, und von nun an hänge ich nur noch Wäsche auf — also hier sind die Worte, alle auf einmal.

    Er bewahrte sein ganzes Leben lang ein einziges Papier auf, im doppelten Boden der Kornkiste. Ein Buch der Namen. Die Namen sind Jungen, Ovídio — einunddreißig von ihnen, am Leben in Frankreich und Luxemburg und wo auch sonst, jetzt erwachsene Männer mit Kindern, wegen eines Pfades, den er kannte, und der Nächte, die er wählte. Der Kaffee bezahlte das Brot. Die Namen bezahlten den Mann.

    Zünd eine Kerze an auf deiner Seite der Raia. Von dieser Seite sieht sie genauso aus — das hat er immer gesagt.

    Leocádia

  6. 06

    Das Buch der Grenzgänge

    Ein verstecktes Buch der Namen, Guadramil · Herbst 2001

    Aus dem Buch der Grenzgänge — die letzten Jahre

    März 1966. F.T., aus dieser Gemeinde. Nach Frankreich, über den alten Wolframpfad. Teilweise bezahlt, der Rest erlassen — für die Dachziegel. Zugestellt.

    Mai 1969. R., neunzehn, aus Vinhais, für Guinea einberufen. Mond zu hell am 14.; Grenzübertritt am 17. Nichts von der Mutter genommen. Zugestellt.

    Oktober 1974. Keine weiteren Einträge; der Krieg ist vorbei. Endgültige Zählung, in dieser Hand und keiner anderen: einunddreißig Namen, einunddreißig zugestellt, einer genommen — Adelino, Februar 1967, Gott hab ihn selig und vergebe mir den Weg, den ich in jener Nacht wählte.

    S.B.

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